Walle Blues

Bremer Hafen- und Rotlichtgeschichte(n), von Zeitzeug*innen erzählt

Als ich 2004 für ein Geschichtsprojekt des Kulturhauses Walle Brodelpott nach Zeitzeug*innen suchte, die die Hafenbars und Lokale an der Waller „Küste“ in den 50er und 60er Jahren besucht oder dort gearbeitet hatten, fand ich reichlich Material:

Mietwagenfahrer, Barfrauen, Prostituierte, Seeleute und andere »Küstenkenner*innen« erzählten mit Stolz und Witz von einer Zeit, in der Bremen als florierender Hafenplatz in der ganzen Welt bekannt war, als Tausende Arbeiter tagtäglich in die Häfen strömten und viele Seeleute beim Landgang einen Ort suchten, an dem sie die Entbehrungen auf See möglichst schnell vergessen konnten. In dieser Zeit reihten sich in den Straßen zwischen Hafen und Stadtteil etwa 30 bis 50 Lokale aneinander. Die Waller Kleinbürger*innen taten alles, um ihren kriegszerstörten Stadtteil wieder aufzubauen und ein Stück vom Kuchen des Wirtschaftswunders abzubekommen. Im „Klein-St.-Pauli“ wurde rund um die Uhr gesoffen, gefeiert und gehurt. Wer dort arbeitete und plietsch war, machte gute Geschäfte, denn das Geld wurde mit vollen Händen ausgegeben. Und die verschworene Beutegemeinschaft von »Goldgräbern« hielt zusammen wie eine große Familie.

Für das Projekt „Walle Blues“ kombinierte ich Ausschnitte aus diesen Interviews, private und historische Aufnahmen zu „Bild-Ton-Collagen“ – kurzen Filmsequenzen, in denen die Bremer Hafen- und Rotlichtgeschichte von den Zeitzeug*innen selbst erzählt wird.

Mir wurde schnell klar, was für ein Schatz diese Erinnerungen sind: Fast alle Bremerinnen und Bremer haben auch heute noch jemanden in der Familie, die oder der in der Blütezeit des Hafens dort gearbeitet hat. Die Zuschüttung des legendären Überseehafens war 2004 gerade sechs Jahre her und fühlte sich für viele an wie eine Amputation ihrer Stadtgeschichte und Lebensleistung.